St. Brooklyn, das Buch von Trummer

Christoph Trummer ist aufgewachsen in Frutigen. Seit vielen Jahren ist er mit seinen poetischen Liedern und mit verschiedenen Musikerinnen und Musikern unterwegs. Jetzt ist sein erster Roman, ein Musik-Roman, erschienen. Bela Rothenbühler schreibt dazu treffend im Umschlag: «Fein und klug und wehmütig wie ein Folksong.» Der Roman ist eine Geschichte über das Liederschreiben, über das Auftreten vor fremden Menschen in einem fremden Land in einer fremden Sprache. Und es ist eine spannende, berührende und schlussendlich traurige Liebesgeschichte. Trummer schreibt, was mit einem Landei aus dem Berner Oberland geschehen kann, wenn es hinauszieht in die grosse, weite Welt, nach New York von dem wir denken und glauben, dort fände das Wesentliche in der Musik, oder überhaupt in der Kunst statt.

Ein junger Schweizerknabe kommt dort in eine Welt, die gnadenloser, härter und realer ist als seine Bergwelt, in der er wohlbehütet aufgewachsen ist. Er ist dort, wie er schreibt, einer von Tausenden, der mit der Gitarre am Rücken in New York mit eigenen Liedern auftreten will. Und er will herausfinden, ob er eine Sensation ist. Er ist keine. Bei seinen Auftritten im Sidewalk Cafe ist er einer unter vielen, bekommt gelegentlich wohlwollenden Applaus, aber er ist halt von Haus aus anständig, zurückhaltend, zu brav. Ramona, die Amerikanerin, in die er sich hoffnungslos verliebt, sagt anerkennend und nett zu ihm: You are so sane! So vernünftig, so geistig gesund wie das In der Musikszene, wo alle von der Hand in den Mund leben, die wenigsten sind. Man möchte es diesem Bergbuben von Herzen gönnen, wenn das doch klappen würde mit dieser sympathischen Ramona, aber es klappt nicht wirklich, sie ist mit einem Arschloch zusammen und kommt nicht los von ihm. Christopher, der sich im letzten Teil des Buches nur noch C. nennt, schafft es bis am Schluss nicht, sie aus den Klauen von diesem Alki zu befreien, da kann er noch so schöne Liebeslieder schreiben. Nein Christopher möchte man ihm zurufen, so geht es eben nicht, du darfst nicht immer wieder den Schwanz einziehen.

Ob Trummer das alles genau so erlebt hat, oder ob, wie er schreibt, die «Figuren, ihre Beziehungen untereinander und die daraus resultierende Handlung» fiktiv sind, das ist mir egal, wichtig ist für mich, wie echt die Geschichte ist und wie unmittelbar erlebt und gelebt sie auf mich wirkt. Und das tut sie.

In der Musiker- und Musikerinnenszene in New York, in der er sich bewegt, wird viel über Musik, aber auch über Geschichte und Politik diskutiert. Irgendwann möchte Christopher Bernhard seinen neuen Freunden schon einmal sagen, was er von seinem Heimatland hält und auch, was er von den USA hält. Schade kommt er nicht dazu, schade, dass er nur denkt, was er laut und deutlich sagen möchte: «Die Schweiz sieht sich als moralisch, politisch neutrale Bastion, während sie primär als gesetzlich geschützter und tief besteuerter Umschlagplatz für die privatwirtschaftliche Ausbeutung der Welt dient. Die USA sieht sich als moralisch überlegene Supermacht im Dienst von Freiheit und Demokratie, während sie primär die Dominanz ihrer Wirtschaftsinteressen mit invasiver Waffengewalt sicherstellt und unerwünschte demokratische Ergebnisse sabotiert, wo sie es für dienlich hält.» Schon nur dieser zwei Sätze willen müsste dieses Buch in unseren Schulen Pflichtlektüre sein.

Ein anderes Zitat zeigt, wie wohltuend gnadenlos ehrlich Trummer auch sich selbst gegenüber ist. Er steht unter einem Baum bei einer U-Bahn-Station und wartet dort auf seine Ramona. Dort unter diesem grossen Baum überfallen ihn mit voller Wucht die Gedanken zu seiner Heimat und zu seinem Hiersein: «Weg mit dem Landei, das seine Herkunft verdrängt. Weg mit dem Musiker, aus dem etwas werden könnte, der diesem Ehrgeiz seine Lebensplanung überlässt. Weg mit dem sich quälenden Künstler, der weiss, dass man ihn interessant findet, gerade weil er sich selbst zerfleischt, dem das erbärmlich vorkommt und der es doch weiter zelebriert, weil er darüber schreiben kann. Weg mit den Häuten, die nicht passiert sind, die du dir übergezogen hast, weil sie scheinbar zu deiner gewählten Rolle gehörten.»

Und wie er nach der ersten Reise daheim in Bern ist, da legt er bei seinen Bandkollegen los, zitiert den grossen Bob Dylan, der von Songs mehr gelernt hat als von irgendeiner Religion, und textet sie zu mit dem, was er dort in N. Y. gelernt und neu verstanden hat: «Sich selbst unheimlich wichtig nehmen und zugleich die Nichtigkeit allen Seins zugeben. Kunst hat alle Qualitäten einer Religion, aber sie darf ungefähr sein, sie hält die Ambivalenz aus, sie muss keine Antworten geben, sie kann die Fragen auskosten. Sie ist den Religionen bei Weitem überlegen. Wie jämmerlich ist da die Idee, Musik oder irgendeine Kunst zu machen, um erfolgreich zu werden, um geliebt zu werden, um Geld zu verdienen.» Wau, da gibt er ihm aber, das tönt weise, kommt aber bei seinen Freunden ganz schlecht an, und einer sagt zu ihm: «Hier kann man schon mal einer Runde loyaler Freunde, mit denen man jahrelang die Bühnen geteilt hat, einen Haufen Scheisse über den Kopf schütten, ihnen seelenlose Oberflächlichkeit unterstellen. Und warum? Bloss, weil sie lieber für viele Leute spielen wollen als für wenige?»

Und nein, einfacher ist es dort ennet dem Teich für die allermeisten Künstler nicht, mit seiner Musik Geld zu verdienen schon gar nicht. Christophers Freund Joey ist zum Beispiel auch ganz erstaunt, dass dieser wie er selbst überhaupt keine Medikamente nimmt: «Und dann listet er zwei Minuten lang auf, wer aus seinem Bekanntenkreis in der Szene welche Psychopharmaka nimmt.» Und erklärt dem Schweizer:» Ich kenne kaum jemanden mit einer Krankenversicherung hier, das gibt`s ja nur, wenn man angestellt ist oder sehr wohlhabend. Niemand geht zum Arzt, solange es sich vermeiden lässt. Zahnschmerzen, Depressionen, kleine Verletzungen, so Zeug wird ausgehalten mit Diagnosen und Medikamenten aus dem Internet.»

Im letzten Teil ist C. mit einer Band von N. Y. aus westwärts unterwegs. Übernachtet wird bei Bekannten der Bandmitglieder und alle müssen froh sein, wenn nach der Tour von den mickerigen Gagen etwas übrigbleibt. In Chicago hat er sogar einen Solo-Auftritt in einem Club: »Breitschultrige Männer in Holzfällerhemden verschlingen riesige Burger, Frauen mit Dauerwellen und Cowboyhüten prosten einander zu. C. kämpft sich durchs Set, schon ab dem dritten Song heiser vom Versuch, gegen den Raumlärm anzukommen, ersetzt er die Balladen mit rockigeren Songs aus dem alten Repertoire, kaum Reaktionen.  Beim Zusammenpacken gibt es dann erstaunlich viele Gratulationen, er verkauft sogar eine CD.»

Ich bin überzeugt, man muss nicht Musiker sein, um diesen spannenden Musik-Roman zu mögen. Und ich bin froh hat Kollege Trummer in New York, und dann bei einer Tour auf dem weiten Land, all diese Erfahrungen gemacht, all diese Begegnungen mit den Menschen dort erlebt und gelebt und sie dann stimmig und sprachlich gekonnt in eine Geschichte gegossen. Ich habe sie sehr gerne gelesen und wünsche diesem Buch viele Leserinnen und Leser.

Tinu Heiniger